Nicht alles, was über Hiltrud Werner, im VW-Konzern-Vorstand zuständig für Fragen der Compliance, Integrität und Recht, in den vergangenen Jahren veröffentlicht wurde, war schmeichelhaft.
Mitunter wurde ihr ein ruppiger Umgang vor allem mit Kolleginnen bescheinigt, "Ex-Kollegen beschreiben sie als herrisch und opportunistisch", schrieb etwa 'Die Zeit' im Mai 2017 - wenige Monate nach ihrem Amtsantritt im Februar. Werner, zu diesem Zeitpunkt erst seit einem Jahr in der Konzernrevision in Wolfsburg tätig, folgte auf Christine Hohmann-Dennhart, mit der sich der VW-Konzern überworfen hatte. Von heute auf morgen stand Werner im Licht der Öffentlichkeit.
Die Medien machten ihr den Einstand nicht leicht. Erste Auftritte der gebürtigen Mecklenburg-Vorpommerin wurden kritisch beäugt und bemäkelt - ihre Kleidung, das steife Ablesen von Statements, Unsicherheiten im Umgang mit der Presse. Man mag sagen: So ist das als Manager. Man steht im Licht der Öffentlichkeit, da braucht man (oder Frau) eben ein dickes Fell.
Als Frau ostdeutscher Herkunft, die quasi über Nacht auf den Präsentierteller in der wohl schwersten Krise des VW-Konzerns gehoben wird, braucht man ein noch viel dickeres Fell.
Hiltrud Werner ist immer noch da. Im Abgas-Skandal und der Arbeit mit dem VW-Monitor Larry Thompson macht sie eine gute Figur.
Jetzt spricht sich im Interview mit dem Handelsblatt erstmals über ihre Erfahrungen als ostdeutsche Frau in der westdeutschen Wirtschaft, erzählt aus den Anfängen ihrer Karriere - und präsentiert damit eine ganz neue Seite.
"Das war schon mutig, finde ich", sagt sie etwa über ihre erste Stelle in Westdeutschland Anfang der neunziger Jahre bei einem IT-Berater in München. Denn trotz kleinem Kind pendelte die Managerin monatelang zwischen Bayern und Thüringen. Privat sei das "extrem herausfordernd" gewesen, erinnert sie sich. "Wir hatten über Monate ein 36-Stunden-Wochenende, das heißt: Sonntag, 15 Uhr von zu Hause weg und Samstag früh um drei wieder da", erzählt Werner.
Auch ihr späterer Einstieg in die Konzernrevision bei BMW war steinig. In einer Art Prüfungsgespräch, ob sie tatsächlich als Frau mit Kind für die Stelle geeignet war, hieß es: "Frau Werner, Sie sind das Leben in kommunistischen Kulturen ja gewöhnt. Dann können wir sie jetzt gleich mal nach Nordkorea schicken."
Werner blieb trotz der Frechheiten gelassen, konterte schlagfertig und bekam den Job. Heute sei die Kultur in den Unternehmen glücklicherweise eine andere, aber noch immer ecke sie an. Weniger als Ostdeutsche, mehr als Frau. "Es wird noch eine Weile dauern, bis stereotypes Zuschreiben weniger wird", bedauert sie. Manchmal sei sie auch "die böse Hexe im Raum", witzelt sie, was aber mehr an ihren Themen im Vorstand liege.
"Ich bin stolz auf meine Heimat"
Dass sie überhaupt in das Gespräch über sich als ostdeutsche Managerin eingewilligt hat, überrascht, denn die meisten möchten nicht auf diese Rolle reduziert werden. Warum also tut sie es, wollen die Reporter wissen.
"Erstens, weil ich stolz bin auf meine Heimat. Und zweitens, weil ich der Meinung bin, dass die Ostdeutschen - vielleicht mehr als der Rest von Deutschland – im Moment positive Rollenbilder brauchen", so Werners Antwort.
Dass es Ostdeutsche in der westdeutschen Wirtschaft schwer haben, ist für sie wenig überraschend, aber auch ärgerlich. "Entscheidungsträger – und da nehme ich mich überhaupt nicht heraus – neigen in der Regel dazu, Risiken minimieren zu wollen." Sprich: Weil man gewohnt sei, mit Westdeutschen zu arbeiten, nehme man den "Ossi" halt weniger gern. "Ich glaube, im Jahr 2019 sollte Schluss damit sein, dass man sich für seine Herkunft rechtfertigen muss", positioniert sich Werner eindeutig.
Ostdeutschen-Quoten für Führungsgremien lehnt sie strikt ab: "Auf keinen Fall. Allein die Definition wird ja schwierig. Ab wann ist man denn ein Ossi?", gibt sie zu bedenken.
Ganz klarist für sie dagegen: Der Solidaritätszuschlag muss weg. "Als Vorstand möchte ich der Politik keine Ratschläge geben, aber meine persönliche Meinung ist: wir brauchen ein echtes regionales Förderprogramm für den Osten."
Beim Soli habe es "viel zu viele" Hintertürchen gegeben, wofür das Geld verwendet werden durfte.
Hiltrud Werner wurde von der Automobilwoche übrigens zu einer der Top-50-Frauen in der Automobilbranche gewählt. Das Porträt über sie und die weiteren 49 Top-Frauen lesen Sie hier: automobilwoche.de/topfrauen
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