Eine Spritztour im Bugatti Veyron 16.4 Grand Sport Vitesse, dem Spitzenprodukt des Mehrmarkenkonzerns VW, macht klar, was der Begriff Personenkraftwagen im Wortsinn bedeutet. Und lässt ganz nebenbei Gedanken aufkommen an das andere Wolfsburger Extrem auf Rädern. Erfahrungsbericht vom Gestade der Elbe.

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Gelegenheitskraftfahrer Krogh am Test-Bugatti: Auch im Ruhezustand lockt ein Veyron 16.4 Grand Sport Vitesse technisch interessierte Mitmenschen an die frische Luft, vom Spektakel bei der Inbetriebnahme seiner Acht-Liter-Maschine ganz zu schweigen.
(Foto: Kaya Marey Krogh)

Es war ein außergewöhnliches Interview. San Carlos de Bariloche. Februar 2010. Wolfgang Schreiber, der damalige Markenchef von VW Nutzfahrzeuge, steuerte den jüngst enthüllten Pick-up Amarok bester Laune auf argentinischen Wald- und Wiesenwegen. Schlaglöcher, Schlammpfützen, leidlich gedämpfte Fahrwerksstöße in Abdomen und Lendenwirbel, Schreiber hatte seinen Spaß. Hinter ihm kauerte des Managers Sprecher, Andreas Meurer, dem es bei der forcierten Sause über Stock und Stein allerdings die Sprache verschlagen hatte. Neben Schreiber kämpfte der Autor dieser Zeilen verbissen gegen die Unbilden marodierender Magen-Darm-Motorik - und versuchte doch dienstbeflissen, ein paar Notate in den Block zu kritzeln.

"Diese üblen Pisten wären nichts für einen Sportwagen", zog Schreiber freundlich lächelnd Zwischenbilanz. Gedankenpause. "Sind Sie schon mal Bugatti gefahren?", fragte er unvermittelt seinen Sozius. "Nein", keuchte der. Und konnte sich noch ein flaches "Würde ich aber gern mal tun" abpressen. "Gar kein Problem", erwiderte Schreiber, der an der Entwicklung des Supersportwagens Veyron als Getriebeexperte maßgeblich beteiligt war. "Ich unterhalte ja noch beste Drähte zu den alten Kollegen, Sie hören von uns". Dass Schreiber später zum Chef der VW-Luxuslabel Bentley und Bugatti avancieren (und diese Ämter übermorgen wieder abgeben) würde, war damals noch nicht abzusehen.


Geld spielt eine Rolle

Heute nun, am vorletzten Tag des fünften Monats im Jahre des Herrn 2014, höre ich in der Tat von Bugatti. Oder, genauer: Ich höre den Bugatti Veyron 16.4 Grand Sport Vitesse. Wenn Andy Wallace, einst Sieger des berühmten Rennens in Le Mans und ausweislich seiner Visitenkarte inzwischen "Official Driver" in Diensten von Bugatti Automobiles S.A.S., einen Testwagen dieses Typs vom Spezialanhänger karriolt, horchen auch entfernte Nachbarn auf. Ein Aggregat mit 16 Zylindern in W-Anordnung und einem Hubraum von 7,993 Litern macht sich nun mal schon im Leerlauf akustisch bemerkbar.

Bei strahlendem Sonnenschein wird flugs wird das Dachteil demontiert. Wallace hält ein Impulsreferat über die zentralen technischen Besonderheiten des immerhin 1200 PS starken Boliden. Ich setze meine Paraphe unter den Leihvertrag, der eine Selbstbeteiligung in Höhe von 5000 Euro für den (Un-)Fall vorsieht, dass wir mit mir am Ledervolant vom rechten Weg abkommen. Und schon beginnt der Ausflug in einem Kraftwagen, für den der Hersteller 1,69 Millionen Euro in Rechnung stellt. "Zuzüglich Steuern, Gebühren und Transport", wie es aus dem Inkasso-Kontor am Bugatti-Stammsitz im elsässischen Molsheim heißt.


Der erste Gang reicht bis Tempo 104

Apropos Werksangaben: Nur 2,6 Sekunden benötigt so ein Veyron 16.4 Grand Sport Vitesse laut Bugatti-Bulletin für den Spurt von null auf Tempo hundert; Gangstufe eins (von sieben) genügt. Die Höchstgeschwindigkeit liegt demnach deutlich jenseits von 400 km/h, mithin auf dem (recht hohen; Anm. d. Red.) Niveau der Magnetschwebebahn "Maglev Train" im chinesischen Shanghai. Nach den Probekilometern auf der norddeutschen Bundesautobahn 23 von Hamburg in Richtung Heide kommen daran keinerlei Zweifel auf. Dieser Zweisitzer ist zweifelsohne eine Wucht.

Gewiss, rein ökologisch orientierte Automobilisten mögen dies dann doch etwas anders sehen. Innerorts verbraucht die High-End-Flunder des Wolfsburger VW-Konzerns dem offiziellen Datenblatt zufolge 37,2 Liter vom bitte 98-oktanigen Superbenzin pro hundert Kilometer Strecke. Dabei entstehen CO2-Emissionen von 867 Gramm pro Kilometer. Ja, das ist allerhand. Die durchschnittliche Jahresfahrleistung von Bugatti-Eignern, zu denen etwa der madeirisch-portugiesische Filigranfußballer Cristiano Ronaldo zählt, jedoch beträgt lediglich 2000 Kilometer. Viele der feinen Autos werden gar direkt nach ihrer Auslieferung für immer in Privatsammlungen geparkt. Frevel, das.


Drehmoment wie ein Sattelschlepper

Auch gestrenge Ökonomen, etwa Verfechter stets stringenter Kosten-Nutzen-Kalkulationen, mögen den Top-Bugatti hinterfragen. Ein Satz neuer Reifen kostet rund 23.000 Euro, gar deren 75.000 jedes gleich mit den Michelin-Sonderanfertigungen (vorn: 265-680 ZR 500A, hinten 365-710 ZR 540A) bestückte 20-Zoll-Leichtmetallfelgenset. "Alle Neune" gäbe es dafür bei der spanischen VW-Volumenmarke Seat, ein dreiviertel Dutzend Stadtflitzer der Modellreihe Mii. Ach, das übrigens hat ein Humorist unter besagten hanseatischen Nachbarn mit Blick auf des Veyron maximales Drehmoment von 1500 Newtonmetern heute wirklich gefragt: "Stimmt es, dass Bugatti Verbrennungsmotoren von Skoda als Fensterheber und Antrieb der Scheibenwischer verbaut?". Nein, das ist nun wirklich nur ein Gerücht. Die reale Systematik der modularen Baukästen von VW muss dieser junge Mann noch lernen.

Wahr hingegen ist, dass VW einst die Kompetenzen verschiedenster Konzernmarken herangezogen hatte, um den Veyron - ein Projekt des früheren Vorstandsvorsitzenden und heutigen Aufsichtsratspräsidenten Ferdinand Piech - zum Laufen zu bringen. "So ähnlich wie jüngst wie bei Volkswagens XL 1", sinniert Andy Wallace bei gemächlicher Geschwindigkeit auf einer Landstraße nahe Bad Bramstedt. Das Ein-Liter-Auto der niedersächsischen Kernmarke ist mit seinem zweizylindrigen Plug-in-Hybridantrieb gewissermaßen der Gegenentwurf zum elitären Elsässer: Extrem genügsam in Sachen (Diesel-)Verbrauch. Mit seinem Spitzentempo von 160 km/h in den Augen eines Flügelstürmers à la Cristiano Ronaldo wohl allenfalls eine bessere Gehhilfe. Mit dem Grundpreis von 111.000 Euro eine Art Kassen-Bugatti oder Hartz-IV-Veyron. Und doch auch vollends faszinierend.


Wir bremsen nicht für Bremsen

So nämlich lautet das Fazit des Vormittagstrips im schnellsten Seriensportwagen des Erdenrunds: Faszination pur. Mag dieser Veyron trotz seiner vergleichsweise festen Preisgestaltung serienmäßig auch keinerlei Infotainment nach herkömmlichem Verständnis zu bieten haben, stellt das konzertante Klangbild aus seinem rückwärtigen W-16-Maschinenraum doch in jedwedem Drehzahlbereich (bei 6400 U/min liegen die maximal abrufbaren 882 kW an) eine willkommene Überkompensation dar. Navigation läuft heutzutage doch ohnehin auf dem Smartphone.

Wolfgang Schreiber hat Wort gehalten. Bugatti-Sprecherin Manuela Höhne freut sich über ein zwar immens insektenkadaververkrustetes, gleichwohl absolut unbeschädigtes Demonstrationsfahrzeug; der selbstbehaltbedrohte Schreiberling muss sich nicht an den Bankautomaten schleppen. Andy Wallace, gebürtig aus der englischen Universitätsstadt schlechthin, resümiert in feinstem Oxford-Englisch: "Every day is good", kurze Kunstpause, "in a Bugatti". Drei frohe Kräfte also konnten sinnvoll walten. Es war ein außergewöhnliches Erlebnis. Hamburg-Schnelsen. Im Wonnemonat Mai.

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