NEU: ePaper
Benutzeranmeldung:
"Mittelfristig baut sich in Europa ein Nachholbedarf auf"
Matthias Wissmann: Der 63-jährige Volkswirtschaftler und Jurist steht seit 2007 an der Spitze des Verbands der Automobilindustrie (VDA); von 1993 bis 1998 war er Bundesminister für Verkehr.
(Foto: VDA)
Autor: Das Interview führten Henning Krogh, Matthias Karpstein und Guido Reinking
Montag, 04. Februar 2013, 07.00 Uhr
Matthias Wissmann, Präsident der Branchenorganisation VDA, spricht Klartext im Interview mit Automobilwoche: Mit der "schwierigen Situation in Westeuropa" muss sich seiner Einschätzung nach die Fahrzeugindustrie auch im laufenden Jahr abfinden. Politikern der Grünen attestiert das CDU-Mitglied Lernbedarf. Und im Streit um das richtige Kältemittel hofft Wissmann auf mehr "Zeit für optimale Lösungen".



Herr Wissmann, ausgerechnet im bislang renditeträchtigen Europageschäft läuft der Autoverkauf schleppend. Wie geht es weiter?

Der Pkw-Weltmarkt wächst auch 2013 – auf über 70 Millionen Autos. Doch an der schwierigen Situation in Westeuropa wird sich kaum etwas grundlegend ändern. Wer mehr als 20 Prozent seines Einkommens schuldenkrisenbedingt – wie in einigen Ländern Südeuropas – verloren hat, stellt Urlaub und Autokauf zurück. Mittelfristig baut sich allerdings in Europa ein Nachholbedarf auf. Noch weiß niemand, ob sich der Knoten im nächsten Jahr oder erst 2015 löst. Vieles hängt davon ab, ob in wichtigen EU-Ländern die Restrukturierung der Staatsfinanzen und eine Stabilisierung des Arbeitsmarkts gelingen. Wir Deutschen haben allerdings 2012 in Westeuropa unseren Marktanteil auf gut 50 Prozent gesteigert.


Die Autoproduktion ist etwa in Italien und Frankreich rückläufig. Haben deutsche Anbieter ein Interesse daran, innerhalb der EU die einzige starke Kraft zu sein?

Nein, eindeutig nicht. Wir brauchen starke Partner, schon um in Brüssel für vernünftige Rahmenbedingungen zu sorgen. Ich denke an Handelspolitik und CO2-Regeln.


Warum hat die EU ein Freihandelsabkommen mit Südkorea vereinbart, aus dem etwa der starke Wettbewerber Hyundai stammt?

Ich bin für Freihandel. Aber ich war gegen ein Abkommen, das den Koreanern Vorteile einräumt, die wir Europäer nicht in Anspruch nehmen können, etwa besondere Zollrückerstattungsregeln. Echter Freihandel heißt echte Öffnung der Märkte auf wirklich beiden Seiten. Wir hätten in Asien zuerst mit den ASEAN-Ländern verhandeln sollen.


Wie laufen die Verhandlungen zum Freihandel mit Indien?

Da bohrt die EU ein dickes Brett. Übrigens haben die Inder einen automobilen Exportüberschuss mit Europa. Sie könnten sich eine Öffnung der Märkte erlauben und sollten einer Zollsenkung auf Null als Langfristziel zustimmen.


In mehreren deutschen Bundesländern mit Autoproduktion sind die Grünen an der Regierung beteiligt. Muss die Partei jetzt auch Industriepolitik machen?

Die Automobilindustrie hat viel gelernt, wie und welche umweltpolitischen Herausforderungen zu meistern sind. Wir haben entsprechende technische Lösungen bereitgestellt – mit weniger Verbrauch und weniger CO2. Wir können umgekehrt erwarten, dass die Grünen noch stärker lernen, welche Bedingungen für den Industriestandort Deutschland und Europa wichtig sind. Das ist ein längerer Prozess.


Glauben Sie noch an das Ziel von einer Million Elektrofahrzeugen im Jahr 2020 in Deutschland?

Wir erwarten rund 600.000 Fahrzeuge der verschiedensten Antriebskonfigurationen. Ich war immer ein Skeptiker des übertriebenen Elektro-Hypes. Auch klassische Verbrennungsmotoren werden ja optimiert. Inzwischen müssen wir aufpassen, dass die Chancen der Elektromobilität nicht kleingeredet werden.


Ohne E-Mobilität wären die CO2-Ziele für 2020 nicht zu schaffen.

So ist es. Daher werben wir in Europa ja auch für Supercredits bei Fahrzeugen mit alternativen Antrieben. Supercredits sind ökologisch richtig. Und sie unterstützen neue Antriebsarten, die sich kurzfristig unter rein betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten noch nicht vollständig rechnen.


Die Opposition will das Dienstwagenprivileg kippen. Was bedeutete dies für Firmenflotten?

Dieses Thema ist mit Vorurteilen überladen. Viele glauben, Firmenwagen seien meist oberste Premiumklasse. Der weit überwiegende Teil stammt aus der Kompakt- und Mittelklasse und wird von Pflegediensten, Handelsvertretern oder Außendienstlern genutzt. Hier stehen einige Hunderttausend Autos auf dem Spiel. Eine Gefährdung des Firmenwagenmarkts, an dem die deutschen Marken den höchsten Anteil haben, ginge voll zu Lasten der heimischen Anbieter und ihrer Arbeitsplätze.


Wie steht der VDA zum Debakel rund um das neue Kältemittel?

Wir müssen Sicherheit und Umweltschutz gewährleisten. Wir werben für ein Moratorium, damit jene Unternehmen, die das beantragen, vorerst mit dem bisherigen Mittel weiterfahren können. So gewinnen wir wertvolle Zeit für optimale Lösungen.

Kommentare zum Artikel:
Weiterführende Links:
Saargummi verpflichtet Johnson als neuen Chef
Der Autozulieferer steht unter neuer Leitung. Larry Johnson hat Detlev Bartels-Kromrey an der Unternehmensspitze abgelöst. Der US-... » mehr lesen

VW kreiert App für Nutzer von Dienstwagen
Für den Wolfsburger Konzern sind gewerbliche Pkw-Kunden von hoher Bedeutung. Gezielt an Reisende am Volant von VW Passat oder... » mehr lesen

Engineering-Haus IAV für Relaunch der Marke geehrt
Die Entwicklungsspezialisten mit Hauptsitz in Berlin sind beim "Rebrand 100 Global Award 2013“ ausgezeichnet worden. Die... » mehr lesen

Apple Stores für Autos
Die Avenue Georges V ist eine der feinsten Einkaufsadressen in Paris. In Gehweite vom Hotel Four Seasons trifft man auf Marken... » mehr lesen

Mercedes jagt BMW und Audi mit Rabatten
Die Premiummarke des Daimler-Konzerns setzt sich intern als "klares Ziel, im ersten Quartal gegenüber dem Markt und dem... » mehr lesen

Azubis im Norden erkunden alternative Antriebe
Der Landesverband Niedersachsen-Bremen im Deutschen Kraftfahrzeug­gewerbe kooperiert mit einer Berufsbildenden Schule aus dem... » mehr lesen

Hamburg wird Tor zur Fahrzeugwelt
In der Elbmetropole finden in diesem Monat die "Autotage" statt. Auf der Regionalmesse stellen 20 Marken ihre Neuheiten aus. Zu... » mehr lesen

Wissmann warnt davor, Dienstwagenprivileg zu kippen
Der Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA) sorgt sich um ein für inländische Fahrzeughersteller wichtiges... » mehr lesen

Ghosn und Zetsche sehen Brennstoffzelle als Antrieb der Zukunft
Die beiden Vorstandschefs Dieter Zetsche und Carlos Ghosn sind davon überzeugt, dass zumindest für größere Fahrzeuge eine... » mehr lesen

VW-Chef zeigt Topmanagern neue Herausforderungen auf
Martin Winterkorn hat seine Führungskräfte über Schlüsselaufgaben bei der Umsetzung der Wachstumsstrategie von Volkswagen... » mehr lesen

"Erwarten 2013 Marktwachstum von bis zu drei Prozent"
Elmar Degenhart, Vorsitzender des Vorstands von Continental, blickt optimistisch voraus auf das kommende Geschäftsjahr. Mit einem ... » mehr lesen

"Nutzfahrzeuge bei klassischen Schadstoffen schon 'nahe Null'"
VDA-Präsident Matthias Wissmann hebt im Vorfeld der Nutzfahrzeug-IAA große Fortschritte bei der Umweltverträglichkeit von Trucks... » mehr lesen

Experte sieht großes Potenzial für Elektroautos
Wolfgang Reimann, leitender Ingenieur für E-Traktion beim Engineering-Anbieter IAV, hält schon auf mittlere Sicht einen... » mehr lesen

Die beliebtesten Inhalte der letzten 7 Tage:
4340
Leser
Der Zulieferer Mahle übernimmt die Mehrheit am Klimaanlagenspezialisten Behr. Dies teilte Mahle am Donnerstag mit.
3511
Leser
Daimler hat am Mittwochabend seine neue S-Klasse präsentiert. Die Luxus-Limousine strotzt vor Superlativen. Der Stuttgarter Autobauer spricht vom "besten Auto der Welt".
2735
Leser
In der Europäischen Union wurden im April knapp 1,04 Millionen Neuzulassungen registriert. Dies ist ein Zuwachs um 1,7 Prozent gegenüber April 2012 - und der erste Anstieg seit September 2011.
2545
Leser
Im Bochumer Opel-Werk ruhte am Dienstag die Arbeit für mehrere Stunden die Arbeit, während die Beschäftigten an einer Informationsveranstaltung teilnahmen.
2438
Leser
Der erste Fünfer startete 1972 durch, jetzt bringt BMW die überarbeitete Version der sechsten Generation: Sie steht ab 20. Juli bei den Händlern. Für Limousine und Kombi bietet der Autobauer vier Benzin- und sechs Dieselantriebe an. Als Spitzenmotorisierung dient ein neuer V8-Antrieb mit 450 PS.
2115
Leser
In Europa beklagt sich die Autobranche mit wachsender Verzweiflung über die unaufhaltsam scheinenden Marktanteilsgewinne der koranischen Autobauer. In Korea jedoch sehen sich inzwischen auch Hyundai und Kia einer wachsenden Schar erfolgreicher Importeure aus Deutschland gegenüber - wenn auch nur in dem prestigeträchtigen Segment der Luxuswagen.
1936
Leser
In der EU wird heftig um schärfere CO2-Grenzwerte für Autos gerungen. Aus deutscher Sicht könnten diese große Nachteile für einheimische Oberklasse-Hersteller bringen. Der mächtige Branchenverband VDA hat nun der Kanzlerin geschrieben.
1858
Leser
BMW will mit seiner neuen Submarke BMWi Bestmarken in der Produktion setzen. Auf der Automobilwoche-Konferenz in München kündigte Ulrich Kranz, Chef der Marke BMWi, erhebliche Energie-Einsparungen in der Fertigung der neuen Elektroautos an.
1818
Leser
Wenn sich ein Auto nicht mehr per mechanischer Verbindung zwischen Lenkrad und Rädern steuern lässt, dürfte das viele Fahrer erst einmal irritieren. Dabei ist Steer-by-Wire - also das Lenken per Datenkabel - potenziell sicherer. Dennoch wird es vorerst die Ausnahme bleiben.
1800
Leser
Der Ingolstädter Autobauer steckt Milliardensummen in neue Fahrzeuge und den Ausbau der Produktion. Dies kündigte Unternehmenschef Rupert Stadler auf der Audi-Hauptversammlung an. Dort wurde auch Ursula Piech in den Aufsichtsrat gewählt.