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"Breit angelegte Innovationsoffensive"
Wolfgang Dürheimer: Der 54-Jährige war Chef von Bentley, bevor er zu Audi kam. Zuvor leitete er bei BMW die Motorradsparte und die Entwicklung bei Porsche. (Foto: Audi)
Elektronik, IT und Effizienz sind die nächsten großen Themen, mit denen Audi den "Vorsprung durch Technik“ halten will, sagt Entwicklungschef Wolfgang Dürheimer im Interview mit Automobilwoche.
Modellvorschau für die Audi S- und RS-Modelle der Quattro-GmbH in den Jahren 2013 bis 2016
Herr Dürheimer, wie waren die ersten 124 Tage als Entwicklungschef bei Audi?
Sehr spannend. Audi ist mit ungeheurem Tempo unterwegs. Die Mannschaft ist hoch motiviert. Die Aufgabe ist außerordentlich komplex, die Modellvielfalt riesengroß. Die ersten 100 Tage waren nötig, um überhaupt einen Überblick über die ganze Breite des Produktangebots von A1 bis A8, die R- und Q-Reihe zu bekommen.
Wo fehlt es derzeit bei Audi? Wo müssen Sie sofort etwas tun?
Mein Vorgänger und die ganze Führungsmannschaft hat in der Vergangenheit einen Riesenjob gemacht. Audi ist 16 Jahre – mit einer Unterbrechung wegen der Krise 2009 – von Rekord zu Rekord geeilt. Wer weiß, wo Audi herkommt und wo die Marke heute steht, kann da nur den Hut ziehen. Ich habe natürlich meinen eigenen Stil und werde den einen oder anderen Schwerpunkt setzen. Wir sind dabei, eine intensive, breit angelegte Innovationsoffensive zu starten, um unserem Anspruch "Vorsprung durch Technik" Nachdruck zu verleihen. Ich werde mich auch intensiv im Design einbringen und zusammen mit Designchef Wolfgang Egger dafür sorgen, dass die Unterscheidbarkeit der Modellreihen zunimmt, ohne die Familien-Erkennbarkeit zu vernachlässigen.
Die großen Themen, die den "Vorsprung durch Technik" begründet haben – Quattro, TDI, Aluminium-Leichtbau – liegen schon viele Jahre zurück. Was wird das nächste große Technik-Thema bei Audi?
Das nächste wesentliche Feld sind die Elektrik und Elektronik. Heute macht dieser Bereich bei den Kosten im Auto schon gut 30 Prozent aus. Ich prognostiziere, dass dieser Wert mittelfristig auf 45 Prozent steigen wird – ohne den Elektroantrieb, der fallweise noch hinzukommt. Durch die enge Vernetzung des Autos mit seinem Umfeld werden wir in den nächsten Jahren wegweisende Trends in der Automobilindustrie einleiten. Wir werden über strategische Partnerschaften den Vorsprung, den Audi hier schon hat, weiter systematisch ausbauen.
Sie kommen als Ingenieur aus dem klassischen Maschinenbau, wie die meisten Ihrer Mitarbeiter und Kollegen. Braucht Audi mehr Softwareingenieure und Elektroniker, um diese Aufgaben zu stemmen?
Wir müssen uns auf diesem schnelllebigen Feld ständig weiter entwickeln. Ich nehme mich da selbst nicht aus. Wir müssen zudem die Offenheit haben, eine neue Generation von Fahrzeugnutzern in unser Anforderungsmanagement einzubeziehen. Die Erwartungen derjenigen, die mit dem Internet und dem Smartphone groß geworden sind, werden wir jetzt mit Hochdruck ins Auto integrieren. Mir persönlich macht das großen Spaß. Die Zahl der Mitarbeiter in diesem Bereich wächst ständig. Wir sind auch auf Akquisitionstour um entsprechendes Know-how und Spezialisten in diesem Bereich zu Audi zu holen. Fallbeispiel: Als im Herbst in Ulm eine Dependance von Nokia geschlossen wurde, haben wir den Mitarbeitern dort neue Perspektiven aufgezeigt und rund 100 von ihnen arbeiten nun an vernetzten Infotainment-Lösungen für Audi.
Das Smartphone entwickelt sich ja zu einem Konkurrenzprodukt zur Navigation und Entertainment im Auto. Gerät ein Autohersteller wie Audi hier nicht ins Hintertreffen?
Nein. Wenn Sie sich anschauen, was mittlerweile im A8 aber auch im A3 alles möglich ist, bis hin zur Spracheingabe und Google Earth-Navigation, brauchen wir uns hier nicht zu verstecken.
Muss man solche neuen Technologien nicht von unten nach oben einführen, um den jüngeren A1- oder A3-Kunden der "Generation i-Phone" so etwas anbieten zu können?
Im A3 ist unser Connect-Angebot ja schon sehr umfangreich, aber klar ist, dass wir diese Technologien flächendeckend anbieten werden. Auch die Kunden im A6 und A8, die übrigens in China nicht unbedingt älter sein müssen als die A1-Kunden hierzulande, wollen ihre Musik aus dem Internet hören und mit Google navigieren.
Es gibt Hersteller, die sehen die Lösung darin, einfach das Smartphone an das Display im Auto anzuschließen. Wäre das für Audi auch eine Lösung?
Nein. Wir werden mit tief in die Elektronikarchitektur eingreifenden Funktionen kommen, die unsere Kunden begeistern und unseren eigenen technologischen Fingerprint im Auto hinterlassen.
Zum Beispiel?
Wir werden über Cloud-Computing das Auto mit Großrechnern verbinden, die mit Höchstgeschwindigkeit Daten zur Verfügung stellen – Musik, Spiele, Informationen aus dem Internet – wie die Kunden das heute im Auto noch nicht kennen. Das Auto, das wir in den vergangenen zehn Jahren intern vernetzt haben, wird in den nächsten zehn Jahren intensiv mit der Umwelt verbunden. Die Kommunikation zwischen dem Fahrer und seinem Auto muss perfekt funktionieren. Das Auto erkennt Sie an ihrem Smartphone, stellt vom Sitz bis zur Temperatur alles so ein, wie Sie es wollen, und verbindet Sie mit dem Internet.
Macht das die Bedienung nicht immer komplizierter?
Ein weiterer Schwerpunkt unserer Forschungs- und Entwicklungsarbeit ist deshalb die Optimierung der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Stichwort Gestenbedienung und Eye-Tracking: Das Auto erkennt, wohin der Fahrer zeigt oder blickt und aktiviert dadurch bestimmte Funktionen, zum Beispiel die Navigation oder das Telefon. Sie müssen einen Knopf nicht mehr drücken, sondern nur noch anschauen. Darüber hinaus werden wir das pilotierte Fahren weiter entwickeln. Das ist der nächste logische Schritt nach dem Abstandsradar ACC: Wenn Sie im Stau bei geringem Tempo unterwegs sind, übergeben Sie die Fahraufgabe an Ihren Audi. Das Auto lenkt, bremst und fährt wieder an.
Zusätzlich werden im klassischen Fahrzeugbau die Herausforderungen wie die CO2-Reduzierung ja ebenfalls größer. Welche Ressourcen braucht man, um auf all diesen Hochzeiten tanzen zu können?
Bei Audi arbeiten 8500 Ingenieure, Techniker und hochqualifizierte Mechaniker, die sich diesen Aufgaben jeden Tag mit Freude und Begeisterung stellen. Das Anforderungsprofil an unsere Mitarbeiter passt sich den erweiterten Anforderungen an. Denn neben einem hoch attraktiven Design sind ja auch die Basisfunktionen eines neuen Autos zu entwickeln. Ein solider Antriebsstrang, Audi typische Dynamik bei niedrigen Verbräuchen, ein Top-Fahrwerk, Regelsysteme für die Fahrsicherheit und so weiter. On Top kommen die neuen Themen.
Was brauchen Sie, um die geforderten CO2-Ziele zu erreichen?
Die Maßnahmen zur CO2-Reduzierung haben höchste Priorität und dafür werden die meisten Mittel in der Vorentwicklung eingesetzt. Obwohl Audi laut einer Studie des Center of Automotive Management bereits heute die Marke mit der besten CO2-Bilanz unter den deutschen Premiumherstellern ist, arbeiten wir daran mit Hochdruck.
Welches CO2-Ziel müssen Sie bis 2020 erreichen?
Die Situation ist für einen international agierenden Hersteller wie Audi sehr komplex. In China müssen wir sehr hohe Einsparziele erreichen, sonst drohen enorme Strafzahlungen, ebenso in Europa. In den USA müssen wir in Zukunft Zero-Emission-Anforderungen erfüllen. Unsere Planung sieht aber selbstverständlich eine Vermeidung jeglicher Strafzahlungen vor.
Um wie viel Prozent müssen Sie den CO2-Ausstoß in Europa bis 2020 dafür reduzieren?
Wir haben uns für jede Modellreihe klare Ziele gesetzt, die unterschiedlich sind und alle auf das ehrgeizige Gesamtziel einzahlen. Deshalb kann ich keine pauschale Prozentzahl nennen. Aber es ist eine gewaltige Aufgabe.
Brauchen Sie dafür eine größere Zahl von Elektroautos?
Dieses Ziel ist machbar mit den Technologien, die wir derzeit schon anbieten oder in Vorbereitung haben. Da werden zum einen Motoren mit modernster Dieseltechnologie einen großen Beitrag leisten. Hinzu kommen neue Technologien wie die Zylinderabschaltung, eine weitere Reduzierung der Reibung und neue Aufladungskonzepte. Ohne die Nutzung von E-Maschinen werden die Ziele jedoch nicht erreichbar sein. Audi setzt hier vor allem auf die Plug-in-Hybrid-Technologie, wie sie in diesem Jahr im A3 e-tron kommt.
Die bisher angebotenen Plug-in-Hybride wie Opel Ampera/Chevrolet Volt sind am Markt nicht so gut angekommen. Was macht Sie so zuversichtlich, dass das beim A3 besser wird?
Unser Konzept ermöglicht ein großartiges Fahrerlebnis ohne Einschränkungen bei der Alltagstauglichkeit. Audi-Kunden werden in Innenstädten oder Wohngebieten elektrisch völlig emissionsfrei unterwegs sein und haben dennoch eine Reichweite von rund 600 Kilometern bei einem sehr niedrigen Verbrauch. Wir sind überzeugt, dass der A3 e-tron nicht nur bei unseren heutigen Kunden sehr gut ankommen wird.
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