Logo automobilwoche
Automotive News: Flag US Flag EU Flag CN

Blog:

Am deutschen Klima soll die Welt genesen

Autor:

greinking@craincom.de
Guido Reinking ist seit 2006 Chefredakteur der Automobilwoche. Der Diplom-Politologe und Volkswirt arbeitete zuvor bei „Bild am Sonntag“, „Welt am Sonntag“ und der „Financial Times Deutschland“. Auch sein Hobby hat mit Autos zu tun: Oldtimer.

"Am deutschen Wesen soll die Welt genesen", war einer der nationalistischen Kraftsprüche der wilhelminischen Ära. Er beschrieb jene Arroganz, die davon ausging, dass einzig Deutschland im Besitz der Wahrheit sei, und andere Nationen unserem Beispiel gefälligst zu folgen hätten. Diese selbstverliebte Nabelschau endete bekanntlich in zwei Weltkriegen und einem Genozid. Viele politische Debatten in Deutschland erinnern mich in jüngster Zeit an dieses Zitat, vor allem auch umweltpolitische. Wie kommt es eigentlich, dass es in keinem anderen Land Europas Umweltzonen  für Pkw gibt, obwohl doch überall in der EU die gleichen Feinstaubgrenzwerte gelten? Selbst in südeuropäischen Großstädten wie Madrid, Rom oder Marseille, die schon wetterbedingt und wegen der Nähe zur Sahara staubiger sind als Hamburg oder Bremen, gibt es so etwas nicht. Jüngstes Beispiel des deutschen Sonderweges ist die Debatte um das neue Kältemittel in Auto-Klimaanlagen. Das Thema, das in Deutschland nicht nur in den Fachmedien heiß diskutiert wird, ist in anderen Ländern praktisch nicht existent. Sucht man auf den Internetseiten der größten europäischen Tageszeitungen außerhalb Deutschlands nach R1234yf, dem Namen des umstrittenen Kältemittels, wird man nichts finden. Und die einzigen Artikel in den USA zu diesem Thema beschäftigen sich mit der Diskussion in Deutschland, die man dort mit einiger Ratlosigkeit verfolgt.



Ursprünglich wollte die deutsche Autoindustrie in Klimaanlagen kein R1234yf einsetzen, dass im Brandfall gefährliche Flusssäure freisetzt und offenbar brennbar ist. Stattdessen sollte CO2 zum Einsatz kommen. Doch die Autohersteller der anderen Länder, von Frankreich über Italien bis hin zu Japan, den USA oder China, wollten die teuren weil aufwändigen CO2-Klimaanlagen nicht. Hätten die deutschen Autobauer (siehe oben) nicht dennoch daran festhalten können? Schwerlich, denn das farb- und geruchlose CO2 ist in den USA nicht überall als Klimamittel zugelassen. Aus gutem Grund: Dringt es wegen Undichtigkeiten in den Innenraum eines Autos, könnte der Fahrer das Bewusstsein verlieren und einen schweren Unfall verursachen. R1234yf hingegen ist, wenn das Auto mal gerade nicht brennt, für den Fahrer ungefährlich.



Nun steckt die deutsche Autoindustrie in der Sackgasse: In Deutschland ist R1234yf politisch und in der Öffentlichkeit nach den jüngsten Schlagzeilen den Autokunden nicht mehr vermittelbar. Die Chemieindustrie wird auf die Schnelle keinen gleichwertigen Ersatz liefern können. Die EU verlangt aber, das alte Klimamittel R134a nicht mehr einzusetzen, weil es als extrem klimaschädlich gilt. Diese Situation ist vor allem ein Erfolg der Deutschen Umwelthilfe (DUH), einer industriefinanzierten Lobby-Organisation, die überall als eine Art Greenpeace auftritt. Schon bei der Einführung der Rußpartikelfilter hatte die DUH eine unrühmliche Rolle gespielt und verhindert, dass ein Partikelgrenzwert festgelegt wurde, der zumindest bei kleinen Motoren ohne Filter zu schaffen gewesen wäre. Man kann sich unschwer vorstellen, wer die DUH-Kampagne damals bezahlt hat: Ein Filterhersteller, heißt es in Industriekreisen. Wer den DUH-Feldzug gegen R1234yf wohl bezahlt?

comments powered by Disqus
Das könnte Sie auch interessieren:
Die beliebtesten Inhalte der letzten 7 Tage:
3555
Zugriffe
Die Ingolstädter wollen die Vernetzung im Auto in China vorantreiben. Der Hersteller gab eine Kooperation mit dem führenden chinesischen Suchmaschinen-Anbieter Baidu CarLife bekannt.
3442
Zugriffe
Es ist die größte Auto-Rückrufaktion in der US-Geschichte. Wegen defekter Airbags des japanischen Zulieferers Takata müssen fast 34 Millionen Fahrzeuge in die Werkstätten beordert werden.
2800
Zugriffe
Google und etablierte Autohersteller liefern sich einen Wettlauf bei selbstfahrenden Fahrzeugen. Der Vormarsch der Roboterwagen werde dramatische Folgen haben, betont ein Branchenexperte: Denn mit ihnen brauche man insgesamt viel weniger Autos auf der Straße.
2360
Zugriffe
Der Hybrid-Sportwagen Porsche 918 Spyder muss in die Werkstatt - nicht zum ersten Mal.
1779
Zugriffe
Volvo wird im kommenden Jahr seine gesamte Modellpalette auch online zum Verkauf anbieten. Das kündigte Vertriebs- und Marketingchef Alain Visser bei der Automobilwoche-Konferenz in München an.
1685
Zugriffe
Daimler baut sein Werk in Bremen aus und schafft dort 500 neue Arbeitsplätze. Künftig sollen an dem Standort zusätzlich zwei weitere Modelle gefertigt werden. Im Jahr 2014 liefen in Bremen rund 340.000 Fahrzeuge von den Bändern.
1624
Zugriffe
Volkswagen zeigt in Schanghai Gesten-, Slides- und Touchfunktionen im R Touch, die es in Auszügen im neuen Golf geben soll. Über Mirror-Link werden künftig jedoch nur Apps von Baidu zur Navigation integriert, Baidu CarLife soll später nachkommen.
1559
Zugriffe
Immer kleiner werden moderne Verbrennungsmotoren, doch ihre Leistung steigt dank Aufladung. Dabei sollen die Downsizing-Aggregate vor allem beim Verbrauch spitze sein, doch sie haben auch Nachteile.
1496
Zugriffe
Die digitale Transformation stellt auch einen Nutzfahrzeughersteller vor neue Herausforderungen. Welche dies sind, skizzierte Andreas Lawrenz von MAN Truck & Bus.
1407
Zugriffe
Für gut befindet das in der früheren Hauptstadt ansässige Bundesamt für Naturschutz den Einsatz des Herstellers beim Schutz wilder Tiere. Neben Marken- pflegt VW die Bio-Diversität.