Logo automobilwoche
Automotive News: Flag US Flag EU Flag CN

"Am deutschen Wesen soll die Welt genesen", war einer der nationalistischen Kraftsprüche der wilhelminischen Ära. Er beschrieb jene Arroganz, die davon ausging, dass einzig Deutschland im Besitz der Wahrheit sei, und andere Nationen unserem Beispiel gefälligst zu folgen hätten. Diese selbstverliebte Nabelschau endete bekanntlich in zwei Weltkriegen und einem Genozid. Viele politische Debatten in Deutschland erinnern mich in jüngster Zeit an dieses Zitat, vor allem auch umweltpolitische. Wie kommt es eigentlich, dass es in keinem anderen Land Europas Umweltzonen  für Pkw gibt, obwohl doch überall in der EU die gleichen Feinstaubgrenzwerte gelten? Selbst in südeuropäischen Großstädten wie Madrid, Rom oder Marseille, die schon wetterbedingt und wegen der Nähe zur Sahara staubiger sind als Hamburg oder Bremen, gibt es so etwas nicht. Jüngstes Beispiel des deutschen Sonderweges ist die Debatte um das neue Kältemittel in Auto-Klimaanlagen. Das Thema, das in Deutschland nicht nur in den Fachmedien heiß diskutiert wird, ist in anderen Ländern praktisch nicht existent. Sucht man auf den Internetseiten der größten europäischen Tageszeitungen außerhalb Deutschlands nach R1234yf, dem Namen des umstrittenen Kältemittels, wird man nichts finden. Und die einzigen Artikel in den USA zu diesem Thema beschäftigen sich mit der Diskussion in Deutschland, die man dort mit einiger Ratlosigkeit verfolgt.



Ursprünglich wollte die deutsche Autoindustrie in Klimaanlagen kein R1234yf einsetzen, dass im Brandfall gefährliche Flusssäure freisetzt und offenbar brennbar ist. Stattdessen sollte CO2 zum Einsatz kommen. Doch die Autohersteller der anderen Länder, von Frankreich über Italien bis hin zu Japan, den USA oder China, wollten die teuren weil aufwändigen CO2-Klimaanlagen nicht. Hätten die deutschen Autobauer (siehe oben) nicht dennoch daran festhalten können? Schwerlich, denn das farb- und geruchlose CO2 ist in den USA nicht überall als Klimamittel zugelassen. Aus gutem Grund: Dringt es wegen Undichtigkeiten in den Innenraum eines Autos, könnte der Fahrer das Bewusstsein verlieren und einen schweren Unfall verursachen. R1234yf hingegen ist, wenn das Auto mal gerade nicht brennt, für den Fahrer ungefährlich.



Nun steckt die deutsche Autoindustrie in der Sackgasse: In Deutschland ist R1234yf politisch und in der Öffentlichkeit nach den jüngsten Schlagzeilen den Autokunden nicht mehr vermittelbar. Die Chemieindustrie wird auf die Schnelle keinen gleichwertigen Ersatz liefern können. Die EU verlangt aber, das alte Klimamittel R134a nicht mehr einzusetzen, weil es als extrem klimaschädlich gilt. Diese Situation ist vor allem ein Erfolg der Deutschen Umwelthilfe (DUH), einer industriefinanzierten Lobby-Organisation, die überall als eine Art Greenpeace auftritt. Schon bei der Einführung der Rußpartikelfilter hatte die DUH eine unrühmliche Rolle gespielt und verhindert, dass ein Partikelgrenzwert festgelegt wurde, der zumindest bei kleinen Motoren ohne Filter zu schaffen gewesen wäre. Man kann sich unschwer vorstellen, wer die DUH-Kampagne damals bezahlt hat: Ein Filterhersteller, heißt es in Industriekreisen. Wer den DUH-Feldzug gegen R1234yf wohl bezahlt?

comments powered by Disqus
Das könnte Sie auch interessieren:
Die beliebtesten Inhalte der letzten 7 Tage:
13208
Zugriffe
VW muss sparen - aus mehreren Gründen. Das werden auch die Zulieferer zu spüren bekommen, wie Einkaufschef Francisco Javier Garcia Sanz ankündigt.
12140
Zugriffe
Zum ersten Mal ist bei einem Unfall eines selbstfahrenden Autos ein Mensch tödlich verletzt worden.
5041
Zugriffe
Porsche hat die zweite Generation des Panamera in Berlin vorgeführt. Sie ist deutlich sportlicher als der Vorgänger.
4674
Zugriffe
Im September 2015 wurde bekannt, dass Volkswagen auf der ganzen Welt im großen Stil Abgaswerte bei Dieselautos manipuliert hat. In den USA steht jetzt nach monatelangem Tauziehen ein Entschädigungs-Paket für amerikanische Kunden. Ausgestanden ist die Affäre damit noch lange nicht.
4654
Zugriffe
Für Volkswagen steht in den USA in den nächsten Tagen eine wichtige Entscheidung an: Die Einigung über milliardenschwere Entschädigungen und Strafen in der Abgas-Affäre naht. Erledigt wird das Thema aber auch danach noch längst nicht sein.
4565
Zugriffe
Rameder, ein Spezialist für die Nachrüstung von Anhängerkupplungen, hat VW verklagt. Der Vorwurf: Das Unternehmen missbrauche seine Marktposition.
4114
Zugriffe
Nicht nur Fachleute, sondern auch gute Führungskräfte sind für Automobilzulieferer oft schwer zu finden. Der Engineering-Dienstleister Edag baut Führungsnachwuchs nun gezielt selbst auf.
3997
Zugriffe
Alle Jahre wieder erleben klassische Cabriolets im Sommer ihre Blütezeit. Dann sieht man die offenen Oldies auf den Landstraßen der Bundesrepublik. Was macht diese Fahrzeuge so beliebt? Fünf Beispiele und ein Erklärungsversuch.
3946
Zugriffe
Am Dienstag muss Volkswagen in den USA einen konkreten Vorschlag für den Vergleich mit Kunden und Behörden vorlegen. Es geht wohl in die Milliarden. Wie hart trifft der Abgas-Skandal den deutschen Autobauer?
3299
Zugriffe
Amerikanische Autokäufer haben in den USA offenbar eine Sammelklage gegen General Motors eingereicht. Es geht um den Vorwurf der Abgas-Manipulation. Die beauftragten Anwälte kennen sich mit dem Thema bestens aus.