NEU: ePaper
Benutzeranmeldung:
"Eine Spaltung der Branche ist möglich"
Thierry Vanlancker: Der Manager ist seit Mai 2012 beim Chemiekonzern DuPont President für Chemikalien und Fluorprodukte.
(Foto: DuPont)
Autor:
Matthias Krust
mkrust@craincom.de
Sonntag, 09. Dezember 2012, 12.00 Uhr
Die weltweite Auto­branche hat sich vor Jahren auf das neue, klimaschonende Kältemittel R1234yf geei­nigt, das von den Chemiekonzernen DuPont und Honeywell hergestellt wird. Nachdem das Mittel sämtliche Sicherheitsüberprü­fungen erfolgreich bestanden hatte, hat Daimler jüngst bei einem selbst entwickel­ten Test festgestellt, dass sich das Mittel entzünden kann. Nun diskutiert die Auto­branche, wie sie mit den neuen Erkenntnis­sen umgehen soll. Die Automobilwoche sprach exklusiv mit Thierry Vanlancker von DuPont.

Hintergrunddaten zum Thema:
10/2013
Wichtige Kennzahlen des Autobauers Daimler im ersten Quartal 2013

03/2012
Wertentwicklung der Aktien von Daimler, BMW und Volkswagen vom 1.1.2000 bis zum 31.12.2011

05/2013
Der Verkauf seiner EADS-Anteile hat dem Konzern über 700 Millionen Euro Gewinn eingebracht.

Daimler stellt nach einem selbstentwickelten Crash-Test die Sicherheit Ihres Kältemittels in Frage. Wie gefährlich ist R1234yf?
Zunächst muss ich etwas richtig stellen: Daimler hat kein Fahrzeug tatsächlich gecrasht, sondern einen Frontalaufprall mit hoher Geschwindigkeit simuliert. Dabei hat man das Kältemittel direkt auf den heißesten Teil des Motors gespritzt und dann festgestellt, dass es brennt, weil es dort 700 bis 800 Grand heiß ist. Bewiesen wurde damit nur, was wir schon alle seit Jahren wissen ...
 

Und das wäre?
Dass R1234yf ein schwach entflammbares Mittel ist, das unter bestimmten Umständen brennen kann. Wenn ich Benzin nehme und spritze es auf einen heißen Motor, brennt es auch. Kein Mensch kommt aber auf die Idee zu sagen, dass Benzin verboten werden muss. Ähnlich verhält es sich mit anderen Flüssigkeiten im Auto.

Ihrer Ansicht nach ist der Versuch nicht aussagefähig?
Das Kältemittel ist von vielen Institutionen und Experten rund um den Globus getestet worden - auch vom VDA. Das Ergebnis war, dass keine Sicherheitsbedenken erhoben wurden. Alle diese Institute hätten vorhersagen können, dass bei der Versuchsanordnung von Daimler dieses Ergebnis herauskommt. Das haben wir nochmals nachgeprüft. Der Test wirft schon Fragen auf: Bei einen solchen Aufprall bleibt in den seltensten Fällen die Motorhaube geschlossen. Mit welcher Konzentration trifft das Kältemittel auf den heißen Motor? Und: Daimler hat nicht den geringsten Versuch gemacht, die Kältemittelleitung anders zu verlegen oder besonders abzuschirmen. Das empfehlen die Experten aber schon seit 2007.

Welche Rückmeldung haben Sie von der internationalen Autobranche und den Behörden erhalten?
Alle - auch wir bei DuPont - waren nach der überraschenden Mitteilung von Daimler komplett verwirrt. Nun prüfen die Beteiligten, welche Schlüsse daraus gezogen werden müssen. Da gibt es offensichtlich sehr unterschiedliche Meinungen bei den Herstellern.

Die Diskussion um die Sicherheit des Kältemittels wird vor allem in Deutschland seit Jahren sehr emotional geführt. Wie ist das außerhalb Deutschlands?
Tatsächlich ist das in Deutschland ein heißes Thema. In den anderen europäischen Ländern ist es ein Non-Event und das gilt auch für die USA und Japan. Es geht im Kern doch nicht um die Frage, ob R1234yf gefährlich ist.

Sondern?
Ob man es im Auto einsetzen kann, wenn man bestimmte Risiken ausschließt. Benzin ist auch gefährlich, es lässt sich aber offensichtlich im Auto sicher einsetzen. Wir sind der Hersteller der Flüssigkeit, deren Eigenschaften seit langem bekannt und öffentlich sind. Es ist nicht an uns zu beweisen, dass diese Flüssigkeit in einem bestimmen Automodell sicher verwendet werden kann.
 

Der VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech hat offensichtlich seine Entscheidung schon getroffen. Er sagte: Das richtige Kältemittel ist Co2.
Es steht der Autobranche frei zu entscheiden, welches Kältemittel sie einsetzen will. Wenn Volkswagen Co2 verwenden will, können wir dies akzeptieren. Es wäre aber auch interessant zu erfahren, ab wann Volkswagen CO2 verwenden will: Im nächsten Jahr oder 2014 oder später. Die Europäische Union schreibt ab dem 1. Januar 2013, wenn das Moratorium endet, für Neufahrzeuge lediglich vor, dass das Kältemittel ein Global Warming Potential (GWP) von unter 150 haben muss. Sie sagt nicht, dass man R1234yf einsetzen muss. Co2 steht meines Wissens als Lösung am ersten Januar aber nicht zur Verfügung.

Welche Alternativen zu R1234yf gibt es denn grundsätzlich?
Das ist ja genau der springende Punkt. Als die EU Anfang 2006 die so genannte Mobile Air Conditioning (MAC) Directive verfügt hat, wurden verschiedenste Kältemittel geprüft. Das reicht über das Fluroprodukt HFC 152 a, Mischungen von verschiedenen Fluro-Materialien über hochexplosive Chemikalien wie Metan und Propan bis zu Co2. Heraus kam, dass jede Lösung gravierende Nachteile hatte und man entschied sich für R1234yf.

Die Autoindustrie wollte eine Drop-In-Lösung, die man in bestehende Klimaanlagen einfüllen und weltweit einheitlich einsetzen kann.
Genau. Und diese Lösung sollte dann auch noch bis Januar 2011, dem Start der europäischen Gesetzgebung, in ausreichenden Mengen verfügbar sein. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass die Chemieindustrie neun bis zehn Jahre braucht, um solch ein komplett neues Mittel kommerziell umzusetzen. Es war also der ausdrückliche Wunsch der Autoindustrie, R1234yf so schnell es geht zu industrialisieren.

Wieviel hat DuPont investiert?
Wir haben, um schneller auf den Markt zu kommen, das Mittel zusammen mit unserem Wettbewerber Honeywell entwickelt und getestet. Nun vermarkten wir R1234yf getrennt. Seit rund einem Jahr haben wir eine Fabrik in China und haben seit kurzem auch die lokale Transporterlaubnis. Insgesamt hat DuPont zwischen 100 und 200 Millionen Dollar investiert. Die Kapazität deckt den zu erwartenden Bedarf bis 2014 ab. Wir müssen nun aber schnell wissen, ob wir in den Kapazitätsausbau weiter investieren können oder nicht.

Bis wann muss denn eine endgültige Lösung gefunden werden?
Zunächst einmal gilt doch der 1. Januar 2013 als Stichtag in Europa. Es wird nun interessant zu sehen, ob die Europäische Union ihre Umweltgesetze ändert. Dies würde auch in den USA, Japan und China starke Beachtung finden. Das wäre aber eine sehr merkwürdige Geschichte in meinen Augen. Den Autoherstellern steht es frei, sich für R1234yf zu entscheiden oder möglicherweise für CO2. Im letzteren Fall wären wir nicht glücklich, müssten das aber akzeptieren. Vielleicht kommt es auch zu einer Aufspaltung der Branche.

Wie könnte das aussehen?
Ich persönlich kann mir vorstellen, dass jeder Hersteller das Risiko für sich prüft und eine Entscheidung fällt. Manche gehen dann in Richtung C02, andere nicht. Das wäre dann allerdings für die Branche sehr kompliziert. Und im Jahr 2008 hat man noch alles getan, um zu einer einheitlichen Lösung zu kommen. Für uns wären die Auswirkungen nicht so groß, denn wir stehen noch ganz am Anfang und sind noch relativ flexibel. Klar ist aber auch, dass wir auf das Prinzip Hoffnung keine Fabriken bauen.

Sehen Sie noch eine Chance für den weltweiten Einsatz von R1234yf?
Die Lösung steckt nicht in der Flüssigkeit, sondern im Fahrzeug-Design. Wenn man etwas positive Energie reinsteckt, um Risiken zu vermeiden, lassen sich sichere und gute Lösungen finden. Wir sind bereit, mit den Autoherstellern gemeinsam auf wissenschaftlich und technischer Ebene daran zu arbeiten. Wir sind gespannt, was in den nächsten Wochen herauskommt.
Kommentare zum Artikel:
Weiterführende Links:
Opel und TÜV Rheinland: R1234yf "gefahrlos"
"Realitätsnahe Crashtests" des Autobauers Opel gemeinsam mit dem TÜV Rheinland haben ergeben, dass vom umstrittenen neuen... » mehr lesen

Daimler gerät im Kältemittelstreit unter Druck
Während die internationale Autoindustrie auch nach einer vertieften Prüfung keine erhöhte Brandgefahr durch das Kältemittel... » mehr lesen

Deutsche Behörden fordern Aufschub im Kältemittelstreit
Um die Sicherheit des umstrittenen Kältemittels für Klimanalagen R1234yf nochmals überprüfen zu können, sollen Autohersteller... » mehr lesen

Am deutschen Klima soll die Welt genesen
"Am deutschen Wesen soll die Welt genesen", war einer der nationalistischen Kraftsprüche der wilhelminischen Ära. Er beschrieb jene Arroganz, die davon ausging, dass einzig... » mehr lesen

Autoindustrie sieht kein erhöhtes Risiko durch neues Kältemittel
Der weltweite Verband der Autoingenieure (SAE) hat das Kältemittel R1234yf einer erneuten Sicherheitsüberprüfung unterzogen: Die... » mehr lesen

Piech: Das richtige Kältemittel ist CO2
Nach Daimler spricht sich auch der VW-Konzern gegen das umstrittene Kältemittel R1234yf aus. Dies sagte VW-Aufsichtsratschef... » mehr lesen

Daimler wendet sich von Kältemittel R1234yf ab
Nach umfangreichen Sicherheitstests will der Stuttgarter Autohersteller wegen Brandgefahr das umstrittene Kältemittel nicht mehr... » mehr lesen

Konflikt ums Kältemittel
Die jahrelange Debatte um umweltfreundlichere Kältemittel in Klimaanlagen flammt in diesem Jahr neu auf. Denn seit dem 1. Januar verbietet eine EU-Richtlinie den Einsatz des... » mehr lesen

Neues Kältemittel für Klimaanlagen in künftigen Kfz
Autohersteller, Zulieferer und Werkstattbetriebe müssen sich auf den Einsatz eines neuen Kältemittels für die Klimatisierung von... » mehr lesen

Die beliebtesten Inhalte der letzten 7 Tage:
3113
Leser
Arbeitgeber und IG Metall haben sich in Bayern auf den neuen Tarifvertrag für die Beschäftigten des Kfz-Gewerbes geeinigt. Unterm Strich ähnelt das Ergebnis dem Abschluss in der Industrie.
2817
Leser
Im Bochumer Opel-Werk ruhte am Dienstag die Arbeit für mehrere Stunden die Arbeit, während die Beschäftigten an einer Informationsveranstaltung teilnahmen.
2763
Leser
In der Europäischen Union wurden im April knapp 1,04 Millionen Neuzulassungen registriert. Dies ist ein Zuwachs um 1,7 Prozent gegenüber April 2012 - und der erste Anstieg seit September 2011.
2643
Leser
Der erste Fünfer startete 1972 durch, jetzt bringt BMW die überarbeitete Version der sechsten Generation: Sie steht ab 20. Juli bei den Händlern. Für Limousine und Kombi bietet der Autobauer vier Benzin- und sechs Dieselantriebe an. Als Spitzenmotorisierung dient ein neuer V8-Antrieb mit 450 PS.
2290
Leser
In Europa beklagt sich die Autobranche mit wachsender Verzweiflung über die unaufhaltsam scheinenden Marktanteilsgewinne der koranischen Autobauer. In Korea jedoch sehen sich inzwischen auch Hyundai und Kia einer wachsenden Schar erfolgreicher Importeure aus Deutschland gegenüber - wenn auch nur in dem prestigeträchtigen Segment der Luxuswagen.
2166
Leser
Daimler hat am Mittwochabend seine neue S-Klasse präsentiert. Die Luxus-Limousine strotzt vor Superlativen. Der Stuttgarter Autobauer spricht vom "besten Auto der Welt".
2071
Leser
Wenn sich ein Auto nicht mehr per mechanischer Verbindung zwischen Lenkrad und Rädern steuern lässt, dürfte das viele Fahrer erst einmal irritieren. Dabei ist Steer-by-Wire - also das Lenken per Datenkabel - potenziell sicherer. Dennoch wird es vorerst die Ausnahme bleiben.
2059
Leser
In der EU wird heftig um schärfere CO2-Grenzwerte für Autos gerungen. Aus deutscher Sicht könnten diese große Nachteile für einheimische Oberklasse-Hersteller bringen. Der mächtige Branchenverband VDA hat nun der Kanzlerin geschrieben.
1420
Leser
War das nur ein Missverständnis, oder vielleicht doch eher Missmanagement? Opel hat am Freitag seine Haltung korrigiert, das Werk Bochum bereits Ende 2014 vollständig zu schließen. Nun hat der Vorstand umdisponiert, das Warenverteilzentrum mit derzeit 430 Arbeitsplätzen soll doch noch bis ins Jahr 2016 hinein bestehen bleiben.
1409
Leser
BMW will mit seiner neuen Submarke BMWi Bestmarken in der Produktion setzen. Auf der Automobilwoche-Konferenz in München kündigte Ulrich Kranz, Chef der Marke BMWi, erhebliche Energie-Einsparungen in der Fertigung der neuen Elektroautos an.