Der neue Volvo-Vorstandschef Hakan Samuelsson will in allen wesentlichen Bereichen dem eingeschlagenen Weg seines entlassenen Vorgängers Stefan Jacoby folgen. Jacoby hatte Volvo auf eine klare Premiumstrategie eingeschworen und zugleich versucht, durch eine Verringerung der Baureihen und der Komplexität Kosten einzusparen. Zu Fall brachten ihn allerdings unerwartet schwierige Hindernisse bei der entscheidenden Expansion in China.
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Göteborg (Schweden). Der ehrgeizige Automanager Stefan Jacoby ist bei Volvo im schwer durchschaubaren Dickicht der schwedisch-chinesischen Beziehungen zu Fall gekommen. Seine Nachfolge tritt überraschend der frühere MAN-Chef Håkan Samuelsson an, gegen den derzeit die Münchener Staatsanwaltschaft wegen einer Bestechungsaffäre ermittelt. Zum Verhängnis wurde Jacoby der schleppende Fortschritt beim Vertrieb in China und steigende Kosten in der Fertigung. Samuelsson will in allen wesentlichen Kernbereichen die Strategie seines Vorgängers weiterverfolgen. "Ich verschwende keine Stunde damit, mir Gedanken über eine veränderte Strategie zu machen", sagte Samuelsson in einer Telefonkonferenz mit Journalisten. Der Wachstumsplan und die strategische Ausrichtung von Volvo in Richtung Premium blieben bestehen, betonte er. Insider gehen allerdings davon aus, dass Samuelsson einige der von Jacoby an Bord geholten Spitzenmanager wieder aussortieren könnte. Jacoby hatte das schwedische Traditionsunternehmen aus der Lethargie gerissen und aufgeräumt: Zwölf von 13 Vorstandmitgliedern mussten gehen. Mehrere Spitzenposition besetzte er mit Deutschen: Neuer Entwicklungschef wurde Peter Mertens, neuer Einkaufschef Axel Maschka und neuer Chefdesigner Stefan Ingenlath. Zu einem letztlich desaströsen Zerwürfnis soll es mit dem Vize-Aufsichtsratschef Hans-Olov Olsson gekommen sein, der de facto Aufsichtsratschef ist, da Eigentümer Li Shifu ihm weitgehend freie Hand lässt. Olsson soll, so kolportiert man es im Unternehmen, Jacoby "nahegelegt" haben, seinen Schwiegersohn Thomas Andersson zum Vertriebs- und Marketingchef zu machen. Jacoby überging aber dieses Beziehungsgeflecht und besetzte den Posten mit dem früheren Ford-Manager Douglas Speck, den er noch aus den USA kannte.
Viele Feinde im Unternehmen gemacht Überhaupt soll sich Jacoby im Unternehmen viele Feinde gemacht haben. Vermutlich war das auch notwendig, um das Steuer herumzureissen - doch oft genug zählt auch das "wie" von Veränderungen. "Er hat den Gongschlag gesetzt und für Respekt gesorgt," so ein Vertrauter von Jacoby. "Aber einige haben natürlich schon unter seiner direkten Art gelitten." Jacoby hat den Großteil seines Managerlebens bei Volkswagen verbracht, ein Konzern, der nicht gerade für einen fürsorglichen Umgangston in den Führungsetagen bekannt ist. Als typisch für Jacoby gilt auch ein zackiger Ton - der Manager ist Leutnant der Reserve in der Bundeswehr und ehemaliger Panzerkommandant. "Im konsensverliebten Schweden kam das nicht immer so gut an", so der Vertraute weiter. Auch in China stutze man des öfteren über den Kasernenhofton, den Jacoby ins Unternehmen brachte. Nicht zuletzt kam es auch mit dem Volvo-Eigentümer Geely zu einem handfesten Krach. Geely-Chef Li Shufu forderte ein kaum realistisches Wachstumstempo in China. Jacoby konnte Shufu zwar zunächst bremsen, musste aber einen ehrgeizigen Wachstumsplan ausarbeiten. In China soll sich der Absatz dank eines neuen Werks verzehnfachen. Weltweit will Volvo bis 2020 die Produktion auf 800.000 Autos verdoppeln. Doch das tatsächliche Wachstum blieb hinter den ambitionierten Zielen zurück. Jacoby war die Bedeutung des China-Geschäfts für den Gesamterfolg von Volvo klar. Er hatte auch bereits vor, den verantwortlichen China-Vertriebschef Richard Snijders zu entlassen, was inzwischen geschehen ist. "Wir underperformen in China", räumte Jacoby noch wenige Tage vor seiner Entlassung in einem Interview mit der schwedischen Zeitung "SvD Näringsliv" ein. Doch mit den Konsequenzen aus dieser Erkenntnis kam Jacoby offenbar zu spät. Auch ist es Jacoby nicht gelungen, Kooperationspartner für die Entwicklung neuer Aggregate und Modelle zu finden - eine kostspielige Eigenentwicklung vieler Komponenten kann sich Volvo aber nicht leisten. Denn schon jetzt ist klar, dass Volvo deutlich mehr Kapital benötigt, um seine ehrgeizigen Wachstumsziele zu erreichen. Jacoby setzte zuletzt auf einen Milliardenkredit der China Development Bank - eine Absichtserklärung dazu war bereits im Frühjahr unterzeichnet worden. Doch im Herbst war es immer noch nicht zum Abschluss gekommen - auch dies hatte zuletzt die Position von Jacoby nicht gerade gestärkt. Schließlich zwang ihn Ende September ein leichter Schlaganfall, kürzer zu treten. Zwar war Jacoby schon wieder auf dem Weg der Besserung - auch dank eines verbissen vorangetriebenen Reha-Trainings von täglich fünf Stunden. Seinen rechten Arm und seine rechte Hand konnte er dem Vernehmen nach bereits wieder zu 90 Prozent ohne Einschränkungen verwenden, sein rechtes Bein und seinen rechten Fuß zu 70 Prozent. Doch da waren die Würfel im Aufsichtsrat bereits gefallen - gegen ihn.
Samuelsson fordert vom Vorstand klares Bekenntnis zu ihm ein Verantwortlich für den Rauswurf des deutschen Volvo-Chefs war aber nicht die Erkrankung, wie Vize-Aufsichtsratschef Hans-Olov Olsson eisig feststellte: "Auch wenn Herr Jacoby gesund am Schreibtisch sitzen würde, wäre er abgelöst worden. Wir standen mit ihm in einem kritischen Dialog." Es wird erwartet, dass auch vielen der deutschen Manager, die Jacoby geholt hat, ein "kritischer Dialog" bevorsteht. Der neue Vorstandsvorsitzende Samuelsson kündigte inzwischen an, er werde mit allen Vorständen Einzelgespräche führen und sie fragen, ob sie ohne wenn und aber hinter ihm stünden. "Er fordert ein klares Comittment zum Unternehmen und zu ihm selbst ein," so ein Insider. Was der Ex-MAN-Chef sicher nicht gebrauchen kann, sind demotivierte oder gar destruktive Spitzenkräfte.
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