Logo automobilwoche
Automotive News: Flag US Flag EU Flag CN

Blog:

Hört mit den Crashtests auf!

Small-Overlap-Crashtest des Acura TSX: Bei dem neuen Test prallt das Auto nur mit dem linken Scheinwerfer auf das Hindernis.
(Foto: IIHS)
Autor:

greinking@craincom.de
Guido Reinking ist seit 2006 Chefredakteur der Automobilwoche. Der Diplom-Politologe und Volkswirt arbeitete zuvor bei „Bild am Sonntag“, „Welt am Sonntag“ und der „Financial Times Deutschland“. Auch sein Hobby hat mit Autos zu tun: Oldtimer.
Mit immer ausgefeilteren Crashtests versuchen Unfallforscher, Sicherheitslücken aufzudecken. Generationen von Ingenieuren sind damit beschäftigt, aus unseren Autos kleine Panzer zu machen. Was für ein Unfug! Es sollte darum gehen, Unfälle zu vermeiden, statt die Folgen abzumildern.

Erstaunliches förderten Crashtests in den vergangenen Wochen zutage. Zunächst mussten wir lernen, dass die vermeintlich so sicheren deutschen Premiumautos beim Frontaufprall mit 25 Prozent Überdeckung in den USA versagt haben und in dieser Disziplin von Schweden und Japanern abgehängt wurden. Und dann schlug auch noch der ADAC Alarm, weil Insassen von Kleinwagen, wer hätte das gedacht, bei Frontalcrashs schlechter geschützt seien als Fahrer großer Limousinen oder SUVs. Die Reaktion darauf kam prompt: Die Autos müssen sicherer werden, wird nun überall gefordert. Gemeint ist damit ein besserer Schutz gegen die Folgen eines schweren Unfalls.

Dabei ist diese Art des Insassenschutzes eine der großen Fehlentwicklungen im Automobilbau der vergangenen 20 Jahre. Weil unabhängige Institutionen wie Euro-NCAP und IIHS nur die Folgen eines Unfalls bewerten, haben die Autohersteller alles daran gesetzt, bei den Publicity-wirksamen Crashtests möglichst die volle Punktzahl zu erreichen. Folge: Unfälle, die vom dort getesteten Schema abweichen, bleiben unberücksichtigt. So der Heckaufprall: In vielen Vans liegt die dritte Sitzreihe, in der oft Kinder mitfahren, außerhalb des geschützten Fahrgastraums.

Noch schlimmer ist jedoch, dass sich die Autohersteller darauf konzentriert haben, die Unfallfolgen zu minimieren, statt den Unfall selbst zu vermeiden. Dabei liegt hier das größte Sicherheits-Potenzial. Würde es gelingen, ein Auto zu konstruieren, dass nie in einen Unfall verwickelt wird - theoretisch ist dies nicht unmöglich - man bräuchte weder Knautschzone noch Airbags. Vor allem Elektronik und Vernetzung lassen die "Vision vom unfallfreien Fahren", wie Daimler es nennt, nicht mehr unrealistisch erscheinen.

Damit wäre auch das größte Übel moderner Autos ausgemerzt: Sie sind zu schwer. Kam der Golf I noch mit einem Gewicht von 750 Kilo daher, wiegt die siebte Generation trotz 100-Kilo-Diät immerhin gut 1,2 Tonnen. Ein Opel Astra bringt sogar noch 200 Kilogramm mehr auf die Wage. Die meisten Extra-Kilos verdankten die Autos in den vergangenen Jahren der Unfallsicherheit. Die Folgen für den Verbrauch solcher Panzerwagen sind hinlänglich beschrieben. Wer jetzt nach mehr Crash-Sicherheit ruft, feuert diese Fehlentwicklung weiter an. Hunderte Ingenieure sind derzeit dabei, die Fahrzeuge für die neuen Crashtests zu präparieren. Welch eine Verschwendung von Kreativität!

comments powered by Disqus
Das könnte Sie auch interessieren:
Die beliebtesten Inhalte der letzten 7 Tage:
6740
Zugriffe
Nach Volkswagen hat nun auch Toyota seine weltweiten Absatzzahlen für 2014 bekannt gegeben. Der neue Verkaufsrekord der Wolfsburger war nicht gut genug, um den Rivalen vom Thron zu stoßen. Toyota rechnet für 2015 mit einem Rückgang.
5675
Zugriffe
BMW hat wichtige Positionen neu besetzt. Der deutsche Vertrieb bekommt damit nach mehreren Monaten wieder einen Chef.
4995
Zugriffe
"Die Unsicherheit ist so groß wie nie", konstatiert der Topmanager. Eine neue Geschäftsstrategie für das nächste Jahrzehnt muss her. Winterkorn: „Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit“.
4503
Zugriffe
Etwa zwei von drei „Kopfarbeitern“ beschäftigen sich im Feierabend mit dienstlichen Mails oder Telefonaten. Das scheint auf die Stimmung zu schlagen.
2840
Zugriffe
Weltgrößter Autobauer - dieses Ziel hat Volkswagen vor ein paar Jahren ausgegeben. Bald könnte es so weit sein. Größe alleine aber reicht nicht.
2475
Zugriffe
Klaus Burger ist nicht mehr Geschäftsführer der MAHA. Der langjährige Unternehmenschef, der auch als Präsident des Werkstattausrüsterverbands ASA bekannt ist, wurde von allen Aufgaben entbunden.
2443
Zugriffe
«Wir sind sehr weit auseinander» - nur in dieser Aussage stimmen IG Metall und Metall-Arbeitgeber im Südwesten überein. Strittig sind alle anderen Punkte. Deshalb werden sich beide Seiten auch in der laufenden Tarifrunde nicht ohne Warnstreiks aufeinander zubewegen.
2260
Zugriffe
Im Rahmen der Kooperation zwischen Daimler und Renault-Nissan wollen die beiden Konzerne zusammen einen Pick-up bauen.
2233
Zugriffe
Selbst eine mögliche fristlose Kündigung ist für manche Diebe keine Abschreckung: Mitarbeiter mit langen Fingern gibt es wohl in fast jeder Firma. Die Unternehmen können des Problems nur bedingt Herr werden.
2177
Zugriffe
Wegen Problemen mit der Batterieabdeckung ruft Opel viele Exemplare der Modelle Astra und Astra GTC zurück. Betroffen sind allein in Deutschland rund 60.000 Fahrzeuge.