Logo automobilwoche
Automotive News: Flag US Flag EU Flag CN
Mit immer ausgefeilteren Crashtests versuchen Unfallforscher, Sicherheitslücken aufzudecken. Generationen von Ingenieuren sind damit beschäftigt, aus unseren Autos kleine Panzer zu machen. Was für ein Unfug! Es sollte darum gehen, Unfälle zu vermeiden, statt die Folgen abzumildern.
Small-Overlap-Crashtest des Acura TSX: Bei dem neuen Test prallt das Auto nur mit dem linken Scheinwerfer auf das Hindernis.
(Foto: IIHS)

Erstaunliches förderten Crashtests in den vergangenen Wochen zutage. Zunächst mussten wir lernen, dass die vermeintlich so sicheren deutschen Premiumautos beim Frontaufprall mit 25 Prozent Überdeckung in den USA versagt haben und in dieser Disziplin von Schweden und Japanern abgehängt wurden. Und dann schlug auch noch der ADAC Alarm, weil Insassen von Kleinwagen, wer hätte das gedacht, bei Frontalcrashs schlechter geschützt seien als Fahrer großer Limousinen oder SUVs. Die Reaktion darauf kam prompt: Die Autos müssen sicherer werden, wird nun überall gefordert. Gemeint ist damit ein besserer Schutz gegen die Folgen eines schweren Unfalls.

Dabei ist diese Art des Insassenschutzes eine der großen Fehlentwicklungen im Automobilbau der vergangenen 20 Jahre. Weil unabhängige Institutionen wie Euro-NCAP und IIHS nur die Folgen eines Unfalls bewerten, haben die Autohersteller alles daran gesetzt, bei den Publicity-wirksamen Crashtests möglichst die volle Punktzahl zu erreichen. Folge: Unfälle, die vom dort getesteten Schema abweichen, bleiben unberücksichtigt. So der Heckaufprall: In vielen Vans liegt die dritte Sitzreihe, in der oft Kinder mitfahren, außerhalb des geschützten Fahrgastraums.

Noch schlimmer ist jedoch, dass sich die Autohersteller darauf konzentriert haben, die Unfallfolgen zu minimieren, statt den Unfall selbst zu vermeiden. Dabei liegt hier das größte Sicherheits-Potenzial. Würde es gelingen, ein Auto zu konstruieren, dass nie in einen Unfall verwickelt wird - theoretisch ist dies nicht unmöglich - man bräuchte weder Knautschzone noch Airbags. Vor allem Elektronik und Vernetzung lassen die "Vision vom unfallfreien Fahren", wie Daimler es nennt, nicht mehr unrealistisch erscheinen.

Damit wäre auch das größte Übel moderner Autos ausgemerzt: Sie sind zu schwer. Kam der Golf I noch mit einem Gewicht von 750 Kilo daher, wiegt die siebte Generation trotz 100-Kilo-Diät immerhin gut 1,2 Tonnen. Ein Opel Astra bringt sogar noch 200 Kilogramm mehr auf die Wage. Die meisten Extra-Kilos verdankten die Autos in den vergangenen Jahren der Unfallsicherheit. Die Folgen für den Verbrauch solcher Panzerwagen sind hinlänglich beschrieben. Wer jetzt nach mehr Crash-Sicherheit ruft, feuert diese Fehlentwicklung weiter an. Hunderte Ingenieure sind derzeit dabei, die Fahrzeuge für die neuen Crashtests zu präparieren. Welch eine Verschwendung von Kreativität!

comments powered by Disqus
Das könnte Sie auch interessieren:
Die beliebtesten Inhalte der letzten 7 Tage:
13426
Zugriffe
Daimler beruft eine zweite Frau in den Vorstand: Britta Seeger übernimmt ab 2017 das Pkw-Vertriebsressort und damit die Nachfolge von Ola Källenius.
9029
Zugriffe
Die Nutzfahrzeugbauer Daimler, Iveco, DAF und Volvo/Renault müssen wegen unerlaubter Preisabsprachen 2,93 Milliarden Euro zahlen. Ein anderer Hersteller bleibt dagegen straffrei.
9002
Zugriffe
Der Aufsichtsrat von BMW hat Markus Duesmann zum Vorstand für Einkauf und Lieferantennetzwerk bestellt. Sein Vorgänger Klaus Draeger geht in den Ruhestand.
7718
Zugriffe
Überraschender Wachwechsel bei Ford of Europe: Die zweitwichtigste Führungskraft nach Europachef Jim Farley, Chief Operating Officer Barb Samardzich, geht mit 57 Jahren von Bord. Ihr Nachfolger steht auch schon fest.
7514
Zugriffe
US-Staatsanwälte werfen Volkswagen vor, schon weit früher die Software zur Dieselmotor-Manipulation eingesetzt zu haben als bislang bekannt. Dabei seien auch allerhöchste Vertreter des Unternehmens involviert gewesen, erklärten mehrere Vertreter der Justizbehörden in New York.
7036
Zugriffe
Für Preisabsprachen mit anderen Lkw-Herstellern muss der Daimler-Konzern eine Rekordstrafe bezahlen. Für die Top-Manager bleibt dies offenbar ohne Folgen.
6298
Zugriffe
BMW plant die Schließung weiterer Filialen. Der Betriebsrat ist besorgt, Mitarbeiter fürchten um ihre Arbeitsplätze. Das Unternehmen versucht zu beruhigen.
5086
Zugriffe
Auch nach der Umrüstung werden nicht alle VW-Dieselmodelle den strengen Umweltgesetzen in den USA entsprechen. Die Behörden finden das akzeptabel – aus einem bestimmten Grund.
4874
Zugriffe
Tesla-Chef Elon Musk hat seine Pläne verkündet: Der Elektroauto-Pionier will bald auch Trucks und Busse herstellen. Zudem kommen weitere Modelle. Der Absatz soll sich innerhalb von zwei Jahren verzehnfachen.
4699
Zugriffe
Wer will, der darf – aber niemand muss: Mit einer Betriebsvereinbarung ermöglicht Audi es den Mitarbeitern, ortsunabhängig und zeitlich flexibel zu arbeiten.