Montag, 24. August 2009, 00.03 Uhr
Der neue Porsche-Vorstandsvorsitzende Michael Macht hat die Belegschaft des Stuttgarter Sportwagenbauers in einem ausführlichen Schreiben über wichtige Einzelheiten der geplanten Fusion mit VW informiert. Der dreiseitige Brief liegt Automobilwoche vor. VW-Lenker Martin Winterkorn will die Verbindung mit Porsche zu einem "integrierten Automobilkonzern" für eine Stärkung des eigenen Retail-Geschäfts nutzen. Die Premiumanbieter Daimler und BMW könnte Europas größter Autohersteller mit einer neuen Niederlassungsstrategie rund um die Marken Volkswagen, Audi und Porsche noch massiver als bislang unter Zugzwang setzen.
Stuttgart/Wolfsburg. Der neue Porsche-Vorstandsvorsitzende Michael Macht hat die Mitarbeiter des schwäbischen Sportwagenherstellers mit einem dreiseitigen Rundschreiben zu vorbehaltloser Kooperation mit dem VW-Konzern aufgefordert. Das interne Dokument vom 18. August liegt
Automobilwoche im Original vor.
"Mit Sicherheit warten Sie schon lange auf diesen Brief, was ich durchaus verstehen kann", leitet Macht seine Ausführungen ein. "Aber ich wollte bewusst erst dann auf Sie zugehen, wenn ich Ihnen deutlich mehr sagen kann als das, was Sie ohnehin bereits in der Zeitung lesen konnten. Und dazu war es einfach notwendig, die Aufsichtsratssitzungen von Volkswagen und Porsche am 13. August 2009 abzuwarten".
Erste Seite des Briefs von Porsche-Vorstandschef Michael Macht an die Belegschaft des Unternehmens.
"Entscheidender Schritt auf dem Weg in eine gemeinsame Zukunft"
Die Demissionen der früheren Porsche-Vorstände Wendelin Wiedeking und Holger Härter seien sehr zu bedauern. "Ich persönlich habe viele Jahre lang eng mit beiden zusammengearbeitet und weiß daher sehr genau, was dieses Unternehmen ihnen zu verdanken hat", schreibt Macht. "Aber wir dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern werden unsere Zukunft ab jetzt im Verbund mit dem Volkswagen-Konzern gestalten. Und daraus wollen wir das Beste für Porsche machen". So stelle die "nach intensiven Verhandlungen erzielte Grundlagenvereinbarung" bereits einen "entscheidenden Schritt auf dem Weg in eine gemeinsame Zukunft unserer beiden Unternehmen dar".
Die längste Passage seines Kommuniqués widmet Macht der Erläuterung erster Fusions-Details: "Auf dem Weg zum Integrierten Automobilkonzern werden wir gesellschaftsrechtliche Schritte gehen, die zunächst kompliziert erscheinen. So wird eine Zwischenholding zwischen die Porsche Automobil Holding SE und die Porsche AG gesetzt. An dieser Zwischenholding wird sich im Rahmen einer gegenseitigen Beteiligung Volkswagen mit 42 Prozent durch eine Kapitalerhöhung beteiligen. Unabhängig davon bleibt weiterhin die Porsche Automobil Holding SE mit 51 Prozent an Volkswagen beteiligt. Im Verlauf des Jahres 2011 soll es schließlich zu einer Verschmelzung zwischen der Porsche SE und der Volkswagen AG kommen".
Zweite Seite des Briefs von Porsche-Vorstandschef Michael Macht an die Belegschaft des Unternehmens.
"Wir lösen unsere Probleme in Zukunft nur gemeinsam mit Volkswagen"
Bei dieser zeitlichen Perspektive allerdings drängt VW-Chef Martin Winterkorn bereits zu größerer Eile. Wie von
Automobilwoche exklusiv gemeldet, hatte Winterkorn seine Führungskräfte Ende Juli in Wolfsburg unter anderem darüber unterrichtet, dass die Verschmelzung der Porsche-Holding mit Volkswagen bis 2011 dauern könne. Winterkorn im streng abgeschirmten "Mobile Life Campus" des VW-Konzerns: "Ich persönlich hoffe jedoch, dass wir das schneller hinbekommen". Etwaige Kontroversen zwischen Porsche und VW über das operative Geschäft können die Unternehmenslenker fortan auf dem kurzen Dienstweg regeln. Er werde "ab sofort an allen Sitzungen der Konzernleitung von Volkswagen teilnehmen", lässt Macht das Porsche-Team wissen. "Somit kann ich dort maßgeblich die Interessen von Porsche vertreten". Machts Hoffnung: "Wir lösen unsere Probleme in Zukunft nur gemeinsam mit Volkswagen – nicht ohne oder gar gegen Volkswagen".
Bindende Zusagen macht der Porsche-Chef in seinem Brief mit Blick auf Befürchtungen der Belegschaft, VW könne Porsche bald eine Schrumpfkur verordnen: "Ich kann Ihnen heute versprechen: Porsche wird weiterhin ein eigenständiges Unternehmen bleiben – mit eigener Entwicklung, Fertigung, Vertriebsorganisation und Verwaltung. Und aufgrund der hohen Wachstums-, Ertrags- und Synergiepotenziale, die sich aus der Zusammenführung von Porsche und Volkswagen ergeben, sind auch die Arbeitsplätze an den Porsche-Standorten dauerhaft gesichert". Macht legt sich hier persönlich unwiderruflich fest: "Insbesondere im Zusammenhang mit den bevorstehenden Strukturveränderungen wird es keinen Abbau von Arbeitsplätzen geben – darauf gebe ich Ihnen mein Wort".
Dritte Seite des Briefs von Porsche-Vorstandschef Michael Macht an die Belegschaft des Unternehmens.
"Diese Stärken werden wir selbstbewusst verteidigen"
Erklärtes Ziel sei, "so viel wie möglich von dem zu erhalten, was Porsche ausmacht und was uns in der Vergangenheit so unglaublich erfolgreich gemacht hat: Das sind die kurzen Wege, die schnellen, mutigen Entscheidungen, der Zusammenhalt von Management, Arbeitnehmervertretern und Belegschaft und nicht zuletzt unsere faszinierenden Produkte". Machts Resümee: "Diese Stärken werden wir selbstbewusst verteidigen".
Indessen plant Europas größter Autohersteller VW eine massive Absatzoffensive. Kernelement der neuen Handelsstrategie ist der Kauf des "operativen Geschäftsbetriebs" der Porsche Holding Salzburg. Die nach VW-Angaben "mit einem Absatz von zuletzt 474.000 Fahrzeugen größte Automobil-Vertriebsgesellschaft Europas" wollen die Wolfsburger im Zuge der bis spätestens 2011 vorgesehenen Fusion mit Porsche für rund drei Milliarden Euro von den Familiengesellschaftern Piech und Porsche erwerben. Priorität hat dabei nach Informationen der
Automobilwoche die Bündelung des VW-eigenen Retail-Geschäfts mit den Einzelhandelsaktivitäten der Porsche Holding Salzburg. "Die Porsche-Kollegen haben ihr hohe Retail-Kompetenz immer wieder nachgewiesen", sagt VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch. So gilt die systematische Händlernetzentwicklung der Salzburger neben der gezielten Schulung ihrer Verkaufsteams in der Branche als Benchmark. Daher will VW-Chef Martin Winterkorn bewährte Trainingsprozesse und Taktiken zur Eroberung des Geschäfts von Konkurrenten rasch auch bei VW implementieren.
"Die Fehler unserer Wettbewerber wollen wir strikt vermeiden"
Mit einer neuen Niederlassungsstrategie rund um die Marken Volkswagen, Audi und Porsche könnte der VW-Konzern die Premiumanbieter Daimler und BMW noch stärker als bisher in Bedrängnis bringen. "Die Fehler unserer Wettbewerber, die in ihren Niederlassungen oft viel Geld versenken, wollen wir strikt vermeiden", sagt ein hochrangiger VW-Manager. So sei es ein "plausibles Szenario", die Mitarbeiter der Porsche Holding Salzburg "komplett in Österreich zu belassen und aus der Zentrale in Wolfsburg möglichst wenig in gut eingespielte Abläufe einzugreifen". Denkbar sei auch, das Geschäft von VW Retail nach Salzburg zu verlagern. Dies wäre ein weiterer Schritt auf dem Weg zum "integrierten Automobilkonzern", den VW und Porsche "unter Führung von Volkswagen" bilden wollen.
Über VW Retail steuert VW die konzerneigenen Einzelhandelsbetriebe wie Raffay in Hamburg. Von der Wellergruppe hatte VW jüngst das Autohaus "Berlin-Zentrum" übernommen. Die finanziell angeschlagene Kittner-Gruppe aus Lübeck mit ihren strategisch wichtigen Handelsstandorten im Norden wiederum steht auf Drängen von VW bereits unter Verwaltung eines Treuhänders. Auch diese Betriebe dürfte VW bald übernehmen. Im Zuge der Verschmelzung von VW und Porsche ist mittelfristig ein Umbau der Führungsstruktur zu erwarten. Für die neu zu schaffende Position des Konzernvertriebsvorstands werden VW-Markenvorstand Christian Klingler und China-Statthalter Winfried Vahland gehandelt. Kurt Loidl, Topmanager der Porsche Holding Salzburg, hat abgesagt.